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Grand Soleil 50, Porsche der Meere

Grand Soleil 50 exterior
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Cantiere del Pardo ist eine der Traditionswerften in Italien. Grand Soleil – ein Name, bei dem die Ragazzi ehrfürchtig niederknieten, das war schon etwas – früher. Die Schiffe wurden in einem Atemzug mit Swan genannt. Eine Kopie, sagten die einen, als die italienische Antwort sahen sie die anderen. Dann kam das, was vielen Werften passierte, die klingende Namen hatten: Sie wurden mit einer anderen zusammengeschweißt und versuchten lange von ihrem Mythos zu leben. Mit Dufour im Bunde wurde aus dem Grand Soleil eher ein bisschen beliebiges Plastikschiffchen. Natürlich haben das die Kunden gemerkt: Einen Renault Megane kann man halt nicht zum Preis eines Mercedes verkaufen. Und in der Finanzkrise wollten die Kunden auch keinen Megane mehr, egal wie günstig der war, auch keine Grand Soleil, jetzt waren wieder Werte gefragt. Und bei Cantiere del Pardo besann man sich auf die Wurzeln: Haben wir nicht mal schöne, exklusive Schiffe gebaut? Solche, die richtig klasse waren, wo die Leute im Hafen stehen blieben und die Linien genossen und nicht – lecko mio – neben dem Spiegel die Zigarettenkippen ins Wasser warfen? Da sich in der Belegschaft außer wenigen niemand daran erinnern wollte, wurde die Truppe kurzerhand verjüngt. Kaum einer der Macher ist heute über 30 oder 40. Und nun liegt sie hier: die neue Grand Soleil 50. Ein Kracher in silber, das kostet natürlich Aufpreis, genau wie der Karbonmast, für den man schon einmal eine kleine Grand Soleil aus der bisherigen Fertigung bekommen hätte. Teakdeck mit weißen Fugen, in Italien mag man das, der konservative Nordeuropäer hätte da wohl lieber unempfindliches schwarz, das geht natürlich auch. Flach, kantig der Aufbau, niedrige Bordwände, so muss ein Schiff aussehen, neben dem keine Kippe schwimmt. Hier steht eher ein guter Wein auf dem Achterdeck, wenn es zum Segeln geht, jedenfalls etwas mit Stil. Das können die Italiener doch eigentlich, auch wenn man immer noch rostige Alfas und Fiats im Kopf hat, wenn man an den Stiefel denkt. Aber warum soll sich nichts ändern im Land von Pasta und Pizza? Rostige Kleinwagen sieht man hier kaum noch, die Werftmanager, die heute mit uns segeln gehen, kommen mit einem Golf von der Adriaseite extra herübergefahren.Grand Soleil

Auf dieser Seite Italiens ist das Wasser blauer, das langt Italienern für die Ortswahl; Genießer sind sie hier. In der Adria pumpt der Po tatsächlich so viel Schlamm ins Wasser, dass die Hafeneinfahrt von Rimini aussieht wie der City-Sportboothafen in Hamburg. Gehen wir an Bord. Was für ein geniales Gefühl, Karbonruderräder in der Hand zu haben. Warm und leicht, das fühlt man, auch wenn es mehr Show gegen das Kippen-Image ist als wirklich notwendig. Schließlich sprechen wir bei diesem zwar schnell aussehenden Fahrtenschiff immer noch von 13 Tonnen Leergewicht – Minimum. Mit allem Zubehör sollen es maximal 15 sein, das ist ein verträglicher Wert, aber weit entfernt von einem Leichtgewicht. Um das runter zu kriegen, braucht man natürlich keine Karbonräder, aber man bräuchte auch keine Sonnenbrille von Gucci. Nur das Gefühl des Brille-Tragens wird wesentlich besser dadurch. Wie durch das blaue Wasser, das wir zum Segeln haben, obwohl es auf der Elbe natürlich auch ginge. Wir kommen gerade mal vom Frühstück, an der ligurischen Küste muss man früh raus, wenn man Wind haben will. Man muss die Thermik nutzen, wenn Land und See unterschiedliche Temperaturen haben. Halb neun, zehn Knoten und das hält bis fast um elf! Wenn das der Segelclub in Lavagna gewusst hätte, wären wohl alle anderen Yachten auch draußen. Zwar viel Wind für die Gegend, aber wenig genug, um herauszufinden, was die Grand Soleil wirklich kann. Denn bei 18 Knoten Wind fühlt sich jeder wohl, da läuft jedes Schiffchen Rumpfgeschwindigkeit. Aber zehn Knoten und ein bisschen weniger, da wird’s interessant, bleibt die Grand Soleil stehen oder zieht sie los? Natürlich ist unsere Ausstattung nicht ganz Serie: Wie erwähnt kommt der Kohlefasermast von Hall, der Baum ebenfalls, nur die Wanten sind Rod, wie beim Standard-Aluminium-Mast auch. Alle Segel sind von North, der Repräsentant aus Italien ist zum Trimmen an Bord. 3DL, das klingt nach America’s Cup und Volvo Ocean Race und sieht auch so aus. Tücher kann man diese Segel kaum noch nennen, eher Hightech-Folien, in die in Kraftrichtung Hightech-Fasern eingeklebt sind. Kohlefasern mit Technora in unserem Fall, deswegen sind sie fast schwarz, wer die Gelben will, wie bei Cup, der muss Kevlar bestellen. Wir gehen an den Wind, die Latten ploppen in Form, und dann stehen da zwei perfekte Flügel, die die Grand Soleil 50 nach vorn ziehen. Das ist nicht Massenware, das ganze Schiff nicht.

Grand Soleil 50 sailingEin bisschen wie ein viersitziger Ferrari für die Straße, auch so etwas gibt es unterdessen. Das Ruder mit Karbonschaft ist weit vorn im Schiff untergebracht, dadurch ist die 50 vielleicht nicht so kursstabil wie eine Rassy, aber sie reagiert auf jeden kleinen Wink mit dem Lenker. Damit könnte man abends auch noch mal prima um die Bojen hetzen, wenn hier abends Wind wäre. Sechs Harken-Winschen, 50er und 60er, holen serienmäßig die Schoten dicht. Elektrisch, wie es sich heutzutage gehört, natürlich könnte man auch mit der Hand drehen. Aber dafür müsste man den Wein aus der Hand stellen. Kicker und Achterstag sind hydraulisch, wer pumpen will, kann einen Hebel haben, für die Leute mit dem Glas in der Hand wurde eine elektrische Pumpe eingebaut, wenn sie das nicht in die Bänke und Polster senkten Halter stecken wollen. Getränkehalter in den Polstern: Wo hat man das bitte zuletzt gesehen? Fast acht Knoten macht die Silber-Yacht an der Kreuz, da haben uns die Italiener nicht zu viel versprochen. Das ist Segeln, wie es sein soll, ab 12, 13 Grad Lage ist die Grand Soleil stabil und legt sich nicht wie eine schmale Feile auf die Seite. Schließlich segelt hier nicht Russell Coutts und das hier ist keine RC44. Die kleine Genua mit rund 110 Prozent passt gerade mal in die sichelförmig nach achtern gebogenen Salinge. Gut für die Kreuz, aber wenn man abfällt, fehlt es schnell an Segelfläche. Bei 60 Grad Windeinfall geht es noch, dann brauchen wir andere Segel. Erst der Code Zero, eine leichte Halbwindgenua, wenn man so will, ab 90 Grad einen Gennaker. Das Geld für diese Tücher sollte man anlegen, dann macht das Fahren auf allen Kursen richtig Spaß. Für die Manöver braucht man dann doch Mannschaft, bis dahin hat der Rudergänger auf dem Achterdeck das Segeln gut alleine hinbekommen, während sich die anderen ungestört auf den Polstern räkelten. Eine prima Yacht, auch wenn man sich am Rad noch Bänkchen für die Füße wünschen würde, um besser zu stehen. Da könnte man eher auf den etwas wackeligen Tisch verzichten, der sich aus dem Cockpitboden faltet. Da bauen die Herren von Grand Soleil aber schon an etwas Neuem. So eine Yacht besteht zur Hälfte aus Segeln – zumindest in Italien – zur anderen Hälfte werden bei Flaute Freunde eingeladen. Und während man in Norddeutschland keinem erzählt, dass man eine Gästekabine hat, um am Wochenende keinen Besuch zu bekommen, hat Grand Soleil einen Salon gebaut, in dem man mehr Leute bewirten kann als auf manchem 60-Füßer. Von der Achterkabine bis zu dem ungewöhnlichen MultiPurpose-Schrank an Backbord vor dem Hauptschott sind es drei Meter! Alles Sofa – davor ein Tisch, der sich ausklappen, verlängern, verschieben und absenken lässt, je nachdem, ob man zu zweit oder zu acht isst, grad den Primo Piatto oder den Espresso serviert, den Kaffee, wie man hier sagt. Die Küche – eine Pantry stellt man sich irgendwie kleiner vor – ist in den Drehpunkt der Yacht gewandert, damit man auch auf See kochen kann. Hier geht es um Mahlzeiten auf dem Mittelmeer, nicht um den kürzesten Weg für die Thermoskannen mit Tee ins Cockpit. Das ist wohltuend anders als in Neustadt oder Glücksburg an der Ostsee. Dass sich die Konstrukteure eine Menge Gedanken auch über die Struktur gemacht haben, sieht man an den dicken Fensterrahmen im Rumpf. Dahinter verbergen sich Ringspanten aus Kohlefasern, die sich bis in die Decke fortsetzen und die die 50 stabil machen. Der Ausbau ist in Teak, erstaunlich fehlerfrei für eine Werft, die grad vom Massenmarkt kommt, überall warten kleine Gadgets wie Schubladen für die Stühle, wenn die Verwandtschaft kommt. Das ist genial, schließlich ist nicht unendlich Platz auf so einem Schiff. Schön, es ist ein bisschen dunkel trotz der vielen LED-Leuchten in der Decke. Die sehen nach Airbus aus, leuchten aber wie Air Italia. Insgesamt ein Boot zum Kaufen, wenn man ein leckeres Schiff haben möchte, das sich nicht so anfühlt, als würde es nach ein paar tausend Meilen schon anfangen zu knatschen und quietschen und die Schranktüren langsam herausfallen. Und wenn man den Mut hat, in ein wieder neues Unternehmen zu investieren. Denn auch wenn der Name Grand Soleil ein paar Jahrzehnte Tradition hat: Zum Jahreswechsel hat niemand anderes als Bavaria Yachtbau die Italiener übernommen. Ab jetzt sollte der Kauf der 50 also zumindest finanziell in Ordnung gehen, denn die Deutschen wollen mit Cantiere del Pardo, wie die Werft heißt, Geld verdienen. Da muss schon für die Anleger die Qualität zumindest mittelfristig in Ordnung bleiben.

Grand Soleil 50 2

Auszug aus: “Diamond Yachts“.

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